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Der Fall: Schindel, Hannah

       copyright: © Ela Mandel, Oktober 2o12

Beim Anblick eines Fotos von einer schwindelfreien Dachschindel auf hoher Kante.


     Auf eines Daches First, mit Blick aufs Mühlenberger Loch,
     lebt eine alte Schindel.
     Zwar sieht sie bis ins alte Land, an guten Tagen weiter. Doch -
     ihr Leben ist ein Schwindel.

     Das hohe Dasein auf dem Dach ist Kampf in stiller Not,
     an Freuden ziemlich knapp, Mann.
     Der Hagel schlägt sie grün und blau, die Sonne brennt sie tot.
     Was Hannah aber ab kann.

     Sie rührt sich nicht vom Fleck. Sie liegt wie Blei auf ihrem Dach.
     Von Tag zu Tag. Bis gestern.
     Denn wegen eines Liebes-Leidens liegt sie nun hellwach,
     verkrallt in ihre Schwestern.

     Als Schindel ist man homophil zur Schwestern-Lieb' verdammt.
     Wen sonst, bei Gott und Teufel.
     Doch Hannahs Herz war heiß für einen Klinkerstein entflammt.
     Ein Ton-Brand aus der Eifel.

     Der Ziegel war ein echter Kerl, gebrannt mit wilder Glut.
     Ein Burner - hart wie Stein.
     Wer Sehnsucht hat, der läßt die Seinen los - mit falschem Mut.
     Oh Hannah, laß es sein!

     Die Schindel bebt. Voll Liebeslust rutscht sie vom hohen Dach
     dem Mauerstein entgegen,
     an ihm vorbei, hinab, hinab, dann bricht ihr Herz im Krach.
     Nun liegt sie flach im Regen.

     Wer weltweit was bewegt, den sieht man in der Tagesschau:
     nur Mörder und Gesindel.
     Der Freitod der Klamotte rührt nun wirklich keine Sau.
     Die arme Hannah Schindel.


Ela Mandel

Lebt in Blankenese und reimt verträumten Käse.


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